Vom Hunger

Es gibt, zumindest auf der Nordhalbkugel, eigentlich nur zwei Arten von Küchen:

Die Küche der Hungrigen und die Küche der Satten.

Erstere repräsentiert ein Angebot sowie eine Praxis zu Hause, welches den Fokus auf das Stillen von Hunger legt. Spezifisch äussert sich dies darin, dass das Augenmerk auf dem Nährwert in direkter Verbindung zum Preis liegt. Und mit Preis meine ich nicht bloss den Warenwert, sondern auch die dafür benötigte Zeit. Effizienz. Der Tag war lang und hart, es bleibt wenig Zeit, bevor man wieder ins Bett muss, um am morgigen Tag wieder funktionieren zu können.

Letztere repräsentiert ein Angebot sowie eine Praxis zu Hause, welches den Fokus auf die Unterhaltung legt. Der Nährwert hat zwar durchaus einen fundamentalen Stellenwert, doch wird dieser zusätzlich entweder mit dem Gesundheitsaspekt (z.B. ein hoher Vitamingehalt) oder mit einer intellektuell stimulierenden Komponente erweitert. Nahrung als Event, die körperliche Notwendigkeit im Hintergrund. Statt die Sache rasch hinter sich zu bringen, damit man sich anderen Dingen widmen kann, mutiert das Essen zum Hauptakt des Tages.

Es ist meine Überzeugung, dass statistisch betrachtet, die Mehrheit dieses Landes nicht weiss, wie sich «Hunger» anfühlt.

Die meisten von uns Essen entweder weil der Stundenzeiger es diktiert, weil sie ein leichtes Magenknurren verspüren oder eben aus purer Lust.

«Hunger» im klassischen Sinne, als Warnsignal des Körpers, welcher dringend Nährstoffe benötigt, kennen die meisten von uns (zum Glück) nur in Ausnahmesituationen; beispielsweise auf einer langen Wanderung oder in einer intensiven Projektphase bei der Arbeit, in der wir zu lange arbeiten. Selbst im Sekundären Wirtschaftssektor, zu dem u.a. die Baubranche gehört und welcher nur noch knapp einen fünftel aller Erwerbsarbeit in der Schweiz verkörpert, sind mehrere tägliche Verpflegungspausen gesetzlich vorgeschrieben. Gut so!

Nur leider öffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich weltweit. Und das Internet bringt die Ungleichheit, welche einst im Verborgenen stattfand, ans Licht. Dies erzeugt zunächst kulturelle Befremdung darüber, wie manche Leute essen («Wen interessiert die Vielfalt an Texturen und Geschmäckern? Ich brauche günstige Proteine und Kohlenhydrate, damit ich morgen meinen Knochenjob bewältigen kann! Wie kann man bloss drei Stunden beim Abendessen verbringen?»), woraus letztlich berechtigtes Ressentiment entsteht.

Stattdessen wird der Fokus auf Quantität gelegt, meist im Bezug auf tierisches Protein. Vereinfacht ausgedrückt: Das Essen ist dann «gut», wenn es eine grosse Menge Fleisch enthält. Fleisch gilt noch heute, kulturell Bedingt, als Zeichen von Wohlstand. Ist kein Fleisch auf dem Teller, dann läuft das Leben schlecht. Dies ist ein Überbleibsel des Kriegstraumas unserer Grosseltern, die als letzte noch eine Zeit geprägt von substanziellem Verzicht erleben mussten.

Und genau darum geht es: Traumata. Die Mehrheit der Leute isst gerne, bis man voll ist. Nur wenige begreifen, dass sich «voll» fühlen überhaupt nichts gutes ist. Der Körper signalisiert uns damit, dass wir zu viel gegessen haben. Leider jedoch fühlt sich genau dieses Völlegefühl so unwiderstehlich gut an – wenn es einem im Leben sonst schlecht geht. Es ist der Versuch, Erfüllung dort zu finden, wo sie nunmal verfügbar ist. Weil sie an anderen Orten unerreichbar scheint.

Dieselbe Unersättlichkeit ist auch bei vielen Anhängern der Küche der Satten zu beobachten. Nur äussert sich diese anders, obschon die Gründe dafür erschreckend ähnlich sind. Statt Quantität (einen Berg Fleisch) wird scheinbare Qualität zelebriert. Bessere Zutaten, bessere Geschmäcker, bessere Verfahren, bessere Präsentation, etc. Jedes Gericht soll aufregender und kreativer als jenes zuvor sein. Und doch geht es letztlich um dasselbe: Die Verdrängung anderer, schwer zu bewältigender Probleme.

Beide Gruppen sind nicht entspannt. Weil sie nicht gesund leben.

Die Ernährungsberatung weiss: Gesunde Menschen essen vielfältig, nicht zu viel und ohne Obsession. Es ist ein wichtiger, gerne auch zu feiernder Teil des täglichen Lebens, der aber keinen allzu grossen Stellenwert einnehmen sollte. Zumindest wenn es um den Aspekt der Ernährung geht. Nur Menschen aus der kulinarischen Branche und solche mit einer Ernährungsstörung denken Tag und Nacht ans Essen.

Geht es um den Aspekt des Genuss, so weiss die Philosophie: Abstand erhöht Genuss. Was nicht täglich routiniert konsumiert wird, gewinnt an Wert und schenkt mehr Freude. Dies gilt sowohl für den Burger mit dreifach Fleisch als auch für das erlesene Tasting-Menu auf weissem Tischtuch.

Doch was wahrhaft Freude schenkt ist Gemeinschaft.

Wir Menschen sind und bleiben von Natur aus soziale Wesen, selbst wenn gewisse gesellschaftliche und technologische Entwicklungen entgegengesetztes Verhalten begünstigen. Das Loch, welches wir mit Speisen jeglicher Art zu füllen versuchen, verkleinert sich nur durch die regelmässige Pflege von freundschaftlichen, familiären oder intimen Kontakt zu unseren Mitmenschen. Ob bei Bratwurst mit Brot oder getrüffeltem Bressehuhn an Morchelsauce.

Oder um die kulinarische Legende Marco Pierre White zu zitieren: «Viel wichtiger als das, was auf dem Tisch liegt, sind die Menschen, die mit dir am Tisch sitzen.»

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Wie schrecklich allein wir doch sind